Offenbach Post Online vom 16.6.2020

Glitzernde Jacken und leuchtende Augen

Wieder unter Menschen: Theater Schöne Aussichten begeistert unter freiem Himmel

oponline.de – 16.06.20 03:00

„Showman“ Daniele Mezzatesta sorgt mit seinem italienischen Charme für lockere Stimmung unter den Gästen.
© Schmedemann

 

Man kann es Sehnsucht auf beiden Seiten nennen. In der Pandemie war vieles zu vermissen. Nun kommen Künstler und Kunstfans für ein „Corona Open Air“ wieder im Dietzenbacher Westend zusammen.

Dietzenbach – Die Sehnsucht nach anderen Menschen, Unterhaltung und einer Leichtigkeit, die während der Coronazeit an vielen Stellen rar war, hat 14 unterschiedliche Akteure und 45 Gäste im Dietzenbacher Westend zusammengebracht – für ein „Corona Open Air“.

Anstatt im Theater Schöne Aussichten greift Reiner Wagner im Garten von Axel Schäfer zum Mikrofon. Der Vorsitzende des Fördervereins „Kultur im Thesa“ hat sein Grundstück zur Verfügung gestellt, Abstände gemessen, Pylonen gesetzt und Sitzgruppen gestellt. Die Hygienevorschriften mögen eine Herausforderung gewesen sein, jedoch keine Hürde. „Die Vorbereitungen mit allem drum und dran haben drei Tage gedauert“, erzählt der Vorsitzende. Ehe er den Akteuren die Bühne überlässt, informiert er die Gäste in den Gartenstühlen über die Hygieneregelungen und stellt anschließend kleine Flaschen Desinfektionsmittel neben gesalzenen Nüssen auf die Tische. Derweil begrüßt Reiner Wagner das Publikum. Unübersehbar: das Glitzern in seinen Augen. Der Theatermacher hat sein Publikum vermisst. Er selbst moderiert den Abend jedoch nur, das Programm gestalten befreundete Künstler. Das sind teils wohlbekannte, teils neue Gesichter, die im Viertelstundentakt für ein abwechslungsreiches Allerlei sorgen.

Sehnsucht auf beiden Seiten: „Corona-Open Air“ begeistert in Dietzenbach

Das Liedermacher-Duo Mick Liebig und Birgit Reuter zählt schon fast zum Inventar des Wohnzimmertheaters und unterstützte Wagner auch in seinen Live-Streams auf Facebook. „Etwas Lampenfieber“ hatte Reuter trotzdem vor dem Auftritt: „Ein bisschen Anspannung ist immer da, aber nach der langen Pause war es einfach etwas Besonderes.“

Auch ein anderes Gesicht kennt der aufmerksame Facebooknutzer bereits aus den Streams. Der Kabarettist Tom Kleinrensing stellt seine Wortgewandtheit unter Beweis und unterhält mit klugen und ausgeklügelten Wortwitzen das Publikum. Nach der Notwendigkeit von Mayonnaise auf einem „Zervelatbrot“ sucht er ebenso erfolglos nach dem Sinn eines „Achtung, Nebel“-Schildes. „Was bringt’s?“ lautet da die berechtigte Frage, die vor „echtem“ Publikum viel stärker als digital wirkt. Die ernste Miene des Kabarettisten bei derartigen Grundsatzfragen lässt das Publikum herzhaft lachen und applaudieren. Beides Reaktionen, die dennoch etwas zögerlich unter dem Coronaschleier vonstattengehen.

Im Laufe des Abends, wenn sich die Sonne verabschiedet und bunten Scheinwerfern den Vortritt lässt, wird die Stimmung lockerer. Dazu tragen „Showman“ Daniele Mezzatesta ihm Glitzerjackett oder Angie Bekele mit Schwimmnudel bei. Ersterer überzeugt mit italienischem Charme und flottem Hüftschwung, Letztere schnappt sich Wagner und lässt in kurzer Comedy-Einlage das Ehepaar „Berta und Karl“ wieder aufleben. Einen Tipp, wie man mit einer Schwimmnudel beim „Aquaerotik“ den Sicherheitsabstand hält, hat sie ebenfalls parat.

„Corona-Open Air“ Dietzenbach: Bedenken wegen Hygieneregelungen erweisen sich als unbegründet

„Anfangs hatte ich schon ein wenig Bedenken wegen der Hygieneregelungen und der vielen Menschen, aber das ist wirklich richtig gut gelöst worden“, lobt Besucherin Julia Löhr. Es tue gut, wieder unter Menschen zu sein, anfängliche Zweifel seien schnell verflogen. „Das ist ein echt schönes Erlebnis.“ Dem schließt sich von Künstlerseite her Birgit Reuter an: „Es fühlt sich an, als würde man nach langer Zeit wieder heimkommen.“

Die sorgenvollen Blicke von Axel Schäfer hinauf zu den Wolken lässt der Himmel glücklicherweise unbeantwortet. Zwar fegt eine leichte Brise durch die Tischgruppen, doch scheint es so, als machten die Gewitterwolken einen großen Bogen um das Westend. Während Tom Jet die letzten Akkorde auf seiner Gitarre zupft, fallen die ersten Tropfen. Doch auch da weiß der Förderverein mit Regencapes auszuhelfen.

Segen statt Regen gibt es schließlich von den Gästen, die bei der Hutspende großzügig in die Taschen greifen. Die Künstler verzichten an diesem Abend auf eine Gage, sodass dem Theater Schöne Aussichten stattliche 730 Euro zugutekommen. „Das ist viel mehr als gedacht, es war so großartig“, sagt Reiner Wagner, „ich schwebe immer noch.“ Und vielleicht glitzern seine Augen diesmal ein wenig vor Rührung und Dankbarkeit.

VON LISA SCHMEDEMANN

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